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20 Jahre TS Ostbrandenburg

TelefonSeelsorge
Ostbrandenburg

Bei Anruf Trost

Etwa 50 Anrufe gehen täglich bei der Telefonseelsorge Ostbrandenburg ein / Weitere Ehrenamtliche nötig

Von Mandy Timm

Frankfurt (Oder). Jedes Jahr gehen in Ostbrandenburg etwa 8000 Anrufe bei der Telefonseelsorge Ostbrandenburg ein. 50 Anrufer nehmen im Durchschnitt täglich den Dienst in Anspruch. Die Arbeit der Ehrenamtlichen hat sich jetzt weiter intensiviert. Der Grund: Eine technische Verbesserung macht den Anrufenden das Durchkommen leichter. Weitere Mitstreiter sind dringend nötig. Dafür starten jetzt wieder Infoveranstaltungen.

Nein, ein Geheimdienstjob ist es nicht. Ein Kind erklärte der Erzieherin einmal so, was seine Mutter macht. Die Ehrenamtlichen der Telefonseelsorge arbeiten aber tatsächlich von einem unbekannten Büro aus. Ulrich Falkenhagen hat in Frankfurt (Oder) in eine Wohnung eingeladen, die zu einem Wohnbüro umfunktioniert worden ist. Es gibt ein Dienstzimmer mit Aktenordnern, Computern und einem Schichtplan an der Wand. Daneben befindet sich die Küche, ein Bad mit Dusche, ein Ruheraum mit Liege. Am Ende des Flures ist ein weiteres Büro eingerichtet. Es ist gemütlicher als das andere. Teppich liegt aus. Ein bequemer Lederstuhl steht am Schreibtisch, gegenüber ein Sessel, in dem man sich massieren lassen kann. Tag und Nacht ist das Büro besetzt. 365 Tage im Jahr. Hier gehen die Anrufe der ökumenischen Telefonseelsorge ein. Wer hier arbeitet, arbeitet anonym.

„Das geht leider nicht anders“, erklärt Ulrich Falkenhagen, Theologe und Leiter des Sorgentelefons in Ostbrandenburg. „Wir müssen unsere Ehrenamtlichen schützen.“ In der Ausbildung prägt er ihnen ein, sich nicht ausfragen zu lassen. Keine Namen, kein Ort, wo der Anrufer gelandet ist. „Umgekehrt ist es genauso. Wir werden ja auch anonym angerufen“, sagt Ulrich Falkenhagen. 90 Prozent der Anrufer würden sich mit „guten Absichten“ melden, schätzt er ein. „Vor den zehn Prozent müssen wir unsere Ehrenamtlichen schützen.“ Es kam bei der Telefonseelsorge schon zu Drohungen und verbalen Aggressionen. Falkenhagen hat das auch erlebt. (…) Warum die Aggressionen, wenn die TelefonSeelsorge doch Hilfe verspricht? „Weil ein Großteil der Anrufer psychisch krank ist“, erklärt der Theologe. „Sie wollen ihre Wut loswerden, ihre Aggressionen.“ Die Anzahl psychisch Kranker sei in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen, hat Falkenaugen ausgemacht. „Viele werden auch nicht wieder gesund. Depressionen, Burn-Out: Das sind Erkrankungen, die in der Gesellschaft noch immer stigmatisiert werden.“ Nur wenige würden sich trauen, offen darüber zu reden.

17 Prozent der Anrufer, die im vergangenen Jahr bei den Telefonseelsorgern Hilfe suchten, litten an einer psychischen Erkrankung – der häufigste Grund, warum Menschen zum Telefonhörer griffen, nach Einschätzung der ehrenamtlichen Mitarbeiter. Ein weiterer häufiger Grund, warum sich Menschen melden, ist, dass sie nach einem Sinn, einer Orientierung im Leben suchen. Andere fühlen sich einsam. (…) Drei Prozent der Anrufer redet über Tod und Trauer. Ein Prozent meldet sich wegen Suizidgedanken. Und es gibt die sogenannten Schweigeanrufe. Ein halbes Jahr lang hatte Ulrich Falkenhagen immer wieder eine Frau am anderen Ende der Leitung. Doch sie sagte nie etwas. Meistens meldete sie sich nachts. Der Theologe sang ihr dann etwas vor oder las Gedichte vor, sprach ein Gebet, sofern sie nicht durch ein Geräusch protestierte. „Nach drei, vier Monaten fing die Frau an zu erzählen“, erinnert sich Falkenhagen. Zutiefst einsam sei sie gewesen, stellte sich heraus. Trotz Kinder und Ehemann. „Wir sind immer da und leihen unser Ohr“, macht Ulrich Falkenhagen deutlich. „Da gehört Schweigen dazu.“ Gemeinsam den Frieden zu finden, den die Anrufer nicht haben, das sei das Ziel der Telefonseelsorge.

Rund 8000 Anrufe gehen im Jahr bei der ökumenischen Telefonseelsorge Ostbrandenburg ein. Das sind durchschnittlich 20 Anrufer pro Tag. Ein Gespräch dauert häufig 30 Minuten und länger. Der größere Teil der Anrufer sind Frauen. Das Gebiet reichte bislang von Schwedt im Norden bis Lieberose im Süden. (…) Die Frankfurter und Cottbusser teilen sich ihre Dienste jetzt. Das neue System ist dem Mangel an Ehrenamtlichen geschuldet.

Um die Tag-und-Nacht-Schichten voll abdecken zu können, müssten nach Falkenhagens Angaben wenigstens 70 Ehrenamtliche pro TelefonSeelsorge zur Verfügung stehen. Bis die zusammen sind, teilen wir uns die Dienste mit der TelefonSeelsorge Cottbus. „Deshalb suchen wir auch händeringend nach weiteren Freiwilligen“, sagt er. Gerade startet der Theologe, der zusätzlich zum Gefangenenseelsorger in Tegel ausgebildet wurde und Generalsekretär der Evangelischen Studentengemeinde in Deutschland war, wieder in allen größeren Städten der Region Informationsabende. Während eines Zulassungstages (…) wird entschieden, wer an der kostenlosen im Januar beginnenden umfangreichen Ausbildung teilnehmen kann. Sieben Wochenenden müssen Freiwillige dafür einplanen. Wer mehr als einmal fehlt, kann nicht mehr weitermachen. „Jede/r sollte sich also im Vorfeld überlegen“, rät Falkenhagen, „ob sie oder er die Zeit aufbringen kann oder nicht lieber zu einem späteren Zeitpunkt die Schulung mitmacht.“

Während der Schulungen werden die unterschiedlichsten Themen behandelt. Es wird über Sucht geredet und Suizid, psychische Erkrankungen oder wie die Ehrenamtlichen der Telefonseelsorge miteinander arbeiten. Es wird während der Ausbildung aber auch um Humor gehen, Lachen und Lebenslust – wichtige Themen, die bei all der Trauer, den Lebenskrisen und schweren Schicksale, die die Anrufer umtreiben, nie vergessen werden dürfen.

 

(Artikel in der Märkischen Oderzeitung, September 2013, leicht gekürzt U. Falkenhagen)


 

 

 

   

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